Ein Sonntag in London (Speakers Corner / Notting Hill Carnival)

Immer, wenn ich Sonntags in London bin, schaue ich zumindest für eine kurze Stippvisite an der Speakers Corner im Hyde Park vorbei. Von Standleitern herab buhlen mehr oder weniger begabte Rhetoriker ums Publikum: Eiferer jeder religiösen Geschmacksrichtung, Verschwörungstheoretiker und Männer, die laut eigenem Bekunden "alles wissen" und daher alle erdenklichen Fragen zu beantworten bereit sind.

Viele der Speaker sind jeden Sonntag da - auch mein Lieblingsredner, ein Afrobrite mit lustiger Verkleidung, der das alles nicht ernst nimmt und sich statt eines monotematischen Vortrages lieber von den verbalen Bällen inspirieren lässt, die ihm von seinen Zuhörern zugeworfen werden. Ich halte ein kurzes Schwätzchen mit ihm und erfahre, dass er A) mal obdachlos war, B) nur für die Speakers Corner lebt und C) eine Website namens www.terminator24.supanet.com hat, auf der er etwas ernsthafter sein könne.


Eine andere "alte Bekannte" ist Diana (wie jemand aus dem Publikum sie begrüßt). Die weißhaarige Lady sieht harmlos aus - bis sie den Mund öffnet. Sie begrüßt die Umstehenden mit den wütend herausgebrüllten Worten, wir seien alle unmoralische Dummköpfe.


Muslim preacher at Speakers Corner in Hyde Park (London/England)Ich bekomme nicht mehr mit, was diesmal genau ihr Punkt ist (es geht um irgendwas mit Gott), denn von nebenan ertönt Gebrüll. Ein islamischer Prediger aus New York City, warum er seinem achtjährigem Sohn das Schießen beibringt, und streitet sich mit seinem Publikum. Drei englische Glatzköpfe, die umherlaufen, um möglichst viele Redner zu ärgern, brüllen zurück.

Die Sonntags-Parade auf dem Notting Hill Carnival 2007Es ist Zeit, in den Bus gen Notting Hill zu hüpfen. "Endhaltestelle für Jamaica und Trinidad", meint der Busfahrer, als wir da sind. Und sagt damit schon alles: Ziel ist der Notting Hill Carnival, eine karibische Festivität, die an zwei Tagen rund eine Million Gäste in den sonst eher ruhigen Stadtteil lockt. Der steht heute und morgen ganz im Zeichen des Karnevals - über ganz Notting Hill verteilt, beschallen rund 40 Soundsystems (Open-Air-Discos) mit Batterien von Riesenboxen ganze Straßenblöcke mit Reggae, Soca, Dancehall, R&B, Salsa und anderem Tanzbarem.

Jerk Chicken auf dem Notting Hill Carnival in London/EnglandZwischen den Soundsystems steigen überall im Viertel Rauchschwaden auf. Die riechen aber größtenteils nicht nach Gras, sondern nach Holzkohle. Denn die populärste Speise der Carnivalisten ist Jerk Chicken; Hühnchen, das in einer scharfen Marinade eingelegt und dann in einer halbierten, zuklappbaren Metalltrommel mit einer bestimmten Holzkohlensorte gegrillt und geräuchert wird.
Jerk Chicken auf dem Notting Hill Carnival in London/EnglandDas ergibt einen scharf-rauchigen Geschmack, den viele Restaurants nicht so gut hinbekommen als die schätzungsweise mehreren hundert Jerk-Stände, die über ganz Notting Hill verteilt sind. Wer will, kriegt natürlich auch andere karibische und afrikanische Leckereien.

Heute ist Children's Day beim Carnival - das heißt, der Umzug ist kürzer als am Montag, damit auch kleine Kinder die ganze Strecke ohne Probleme mitlaufen können. Publikumsmagneten sind die rollenden Soundsystems, die so laut sind, dass jeder Basston wie ein Schlag in die Magengrube wirkt.

Das jamaikanische Red-Stripe-Bier auf dem Notting Hill CarnivalWas die Auswahl eines Termins für ihren Karneval anbetrifft, sind die Engländer meiner bescheidenen Meinung nach schlauer als die Deutschen. Im T-Shirt kann man besser tanzen als im Wintermantel, und das Bier schmeckt besser, wenn einem nicht die Finger an Glas oder Dose festfrieren. Das "Standardbier" beim Notting Hill Carnival ist übrigens Red Stripe, ein süffiges Lager aus Jamaika.

Vielleicht liegt's an den sommerlichen Temperaturen und der schicken Umgebung: Trotz der bunt zusammengewürfelten Menschmengen und der Massen von Alkohol ist der Notting Hill Carnival das friedlichste, harmonischste Fest dieser Art, das ich je erlebt habe.


Da in London abends nichts los war, was mich interessierte, zog es mich wieder nach Southall - Essen und Kino.

Gestern wollte der Herr Doktor, der sonst kaum etwas mehr hasst, als zu Fuß zu gehen, von der Paddington Station zum Hotel laufen. Heute musste er es. Denn in der Millionenmetropole London stellen manche wichtigen U-Bahn-Linien ihren Betrieb schon vor Mitternacht ein.

An der Hotelbar baggert ein amerikanischer Traktorenverkäufer gerade zwei Bremer Touristinnen an, die sich aber gerade zu seinem Leidwesen ins Zimmer verziehen. Mache ich auch gleich.

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