Ein Samstag in London (Borough Market / Brixton / Southall)

Tower Bridge in London/EnglandDarüber, dass ich den eigentlich gebuchten Billigflug verpennt habe, weil ich dachte, mit einer Stunde Schlaf auszukommen, breiten wir lieber den Mantel des Schweigens. Jetzt sitze ich an Bord eines British-Airways-Fliegers, konnte drei Stunden statt einer schlafen und werde wenigstens ordentlich bewirtet. (Dachte ich - s. u.)

Vorher: Fragen über Fragen. Etwa: Warum dämmert Leuten, die stundenlang in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle stehen und anderen beim Gürtelaufschnallen, Schlüsselbundablegen und Jackeausziehen zuschauen, erst genau in dem Moment, an dem sie selbst dran sind, dass sie mit Gürtel, Schlüsselbund und Jacke nicht durchgelassen werden?

Oder: Worin liegt der Sinn, im Flugzeug die Rücklehne zurückzuklappen, wenn das jeder tut und alle dadurch nur unbequemer sitzen, anstatt mehr Platz zu haben? Da lobe ich mir Ryanair, denn deren Sitze lassen sich nicht zurückklappen. Geht doch.

Und: Warum zum Teufel geht mir gerade heute "London Bridge" von Fergie nicht aus dem Kopf? Ich seh sie doch gleich (die Brücke, nicht Fergie).

Zuguter Letzt, aus aktuellem Anlass: Warum besorgen sich Leute, die wissen, dass sie eine so schwache Blase haben, dass sie während eines einstündigen Flugs zweimal aufs Klo müssen, nicht selbst einen Gangplatz, anstatt ihre Ale- und Lager-Bäuche ständig an ihrem bloggenden Nebenmann vorbeizuzwängen?

Man weiß es nicht - und will's vielleicht auch gar nicht.

Bordverpflegung bei British AirwaysBewirtung an Bord? Pustekuchen! Die Saftschubse mit dem schönen Namen Bronwyn schmeißt mir lediglich eine Tüte Vogelfutter auf den Tisch.

Tipp 1: Wenn man in Heathrow ankommt und sich keine Oyster Card kaufen will (siehe Tipp 2), sollte man sich die U-Bahn-Fahrkarte schon am Automaten in der Gepäckausgabe kaufen. Dort sind die Schlangen kürzer als an der U-Bahn-Station.

Oyster Card für U-Bahnen und Busse in LondonTipp 2:
Wenn man viel mit Öffis unterwegs zu sein gedenkt, sollte man sich eine Oyster Card kaufen – eine Pre-paid-Karte für Bus und U-Bahn. Die Fahrten sind damit stark ermäßigt (z. B. £1,50 statt £4), und man zahlt nie mehr als mit einer Tageskarte.

Londoner Stadtmagazin Time OutTipp 3: Am Flughafen als erstes das Stadtmagazin Time Out kaufen. Unverzichtbar! Neben umfassenden Veranstaltungstipps enthält es oft Discount-Coupons für Restaurants und die Flughafenzüge von und nach Stansted und Gatwick.

Einzelzimmer im Hotel Blakemore, Bayswater, LondonDas Hotelzimmer ist okay, für umgerechnet 60 Euro ist es in London ein Schnäppchen. Ich bin wie immer in Bayswater, einer netten Multikultigegend nördlich des Hyde Parks mit vielen preisgünstigen Unterkünften.

Ich merke, dass ich nicht mehr in Deutschland bin: Muss den Bus nehmen, weil die U-Bahn-Station, an de ich umsteigen wollte, wegen eines Polizeieinsatzes gesperrt ist. Der erste Busfahrer lässt mich an der Ampel aussteigen, damit ich nicht so weit zur Haltestelle des Verbindungsbusses laufen muss. Der zweite Fahrer hält für mich an, obwohl er schon losgefahren war. Very charming indeed!

Käse auf dem Borough Market in London/EnglandErster Stopp ist der Borough Market, ein Mekka für Feinschmecker, in dem es auch viele Bioprodukte gibt. Einiges kann man probieren: lecker Käse, Marmelade aus roten Zwiebeln oder aus Aprikosen und Ingwer, Vollkornnusskuchen.

Brauhaus Beer Wharf nahe dem Borough MarketIch kehre in der Fusebox ein, einem sehr empfehlenswerten Imbiss, in dem es täglich wechselnde asiatische Snacks (ich hatte scharfe thailändische Mini-Fischfrikadellen) und Speisen gibt. Danach auf ein schnelles Helles im Brauhaus Beer Wharf, da lustigerweise auch englisches Kölsch anbietet.

Brixton Market in London/EnglandWeiter geht's zum Brixton Market, der vor allem von karibischstämmigen Londonern frequentiert wird. Ein Gefühl wie auf Jamaika, überall hämmern Reggae-Beats aus rappeligen Boxen. Jede Menge frischer Fisch, Fleischereien bieten Suppenhühner (drei für £5), Kuh-, Schweine- und Ziegenfüße feil. Ich stocke meine Sammlung von karibischen Pfeffersaucen auf.

Bahnhof in Southall/MiddlesexVon Jamaika nach Indien; genauer gesagt, nach Southall in Middlesex, etwa 15 Minuten von London (Richtung Heathrow). Schon der Willkommensgruß am Bahnhof ist zweisprachig - Englisch und Hindi.

Schild am indischen Pub Glassy Junction in Southall/MiddlesexDas Städtchen hat den Spitznamen Little India, und so sieht man auf dem Weg zum Southall Broadway einen legendären Pub namens Glassy Junction, an dessen Fassade ein Schild stolz verkündet, dies sei der erste Pub im Vereinigsten Königreich, der Rupien als Zahlungsmittel akzeptiere. Innen drin ist es eigentlich ein ganz normaler Pub, es gibt allerdings indisches Bier vom Fass, statt Fußball zeigt der Großbildschirm gern schon mal Bollywood-Videos, und auf der Speisekarte stehen indische Spezialitäten.

Auf den Straßen von Southall läuft die indische Version von Brixton. Überall liegt der wunderbare Duft indischer Gewürze in der Luft, aus den CD-Läden und den vorbeifahrenden Autos stampfen Bhangra- und Bollywood-Rhythmen, und in den Schaufenstern der Modeläden setzen Saris bunte Farbtupfer.

Indisches Restaurant in Southall/MiddlesexIch suche das New Asian Tandoori Centre (Roxy), eine Gaststube, von wecher der Time-Out-Restaurantführer schon seit Jahren schwärmt. Ich bestelle einen gemischten Grillteller mit mariniertem Fleisch und Fisch, der so riesig ist, dass ich damit als Teilzeitvegetarier meinen gesamten Fleischbedarf für die nächsten zehn Jahre gedeckt habe. War simpel, aber gut.

Neben mir sitzt ein lärmender Indobrite, der - wie er mir ungefragt mitteilt - gerade nach vielen Jahren in den USA nach London zurückgekehrt ist, wo er jet mit breit geknödeltem Ami-Akzent das ganze Restaurant beschallt. Sein verhärmtes, still leidend dasitzendes Gegenüber hat nur drei Minuten Ruhe, als sich der Lautsprecher zum Rauchen vor die Tür verzieht.

Ansonsten läuft auch hier eine Serviceoffensive: Alle fünf Minuten schaut ein Kellner vorbei und fragt, ob alles recht ist, und ob ich noch Wünsche habe. Am Ende kommt auch noch der Chef auf ein kleines Pläuschchen an meinen Tisch.

Bollywood-Kino Himalaya Palace in Southall/MiddlesexSpontan beschließe ich, den Samstagabend in einem Kino zu verbringen, das ich bei den früheren Southall-Besuchen immer nur von außen bewundert habe: ein Lichtspielhaus mit dem schönen Namen Himalaya Palace, in dessen drei Sälen ausschließlich Bollywood-Filme laufen. Und zwar auf Hindi, mit englischen Untertiteln, so wie es sich gehört. Zwei Filme kommen zeitlich in Frage - den einen (den aktuellen Shahrukh-Khan-Film “Chak De! India”) habe ich gestern gerade auf DVD gekauft, also bleibt "Heyy Babyy", eine indisch-irre Mischung aus Liebesdrama und klamottiger Komödie. Etwas zäh, aber die Gesangs- und Tanzszenen sind toll.

Es hätte gut in diesen Reisebericht gepasst, wenn ich hätte schreiben können, dass ich "Allein unter Indern" war. Aber dem ist nicht so. In der Pause (Bollywood-Filme haben immer Überlänge und dementsprechend oft eine Pinkel- und Popcorn-Pause) höre ich Wortfetzen, die merkwürdig vertraut klingen - gibt es unter den vielen indischen Sprachen etwa eine, die mit der deutschen Sprache verwandt ist? Nein, es ist eine Gruppe von Deutsch-Indern, die ebenfalls im Urlaub gen Little India gepilgert und ihrerseits überrascht sind, plötzlich auf Deutsch angequatscht zu werden.

Ein letztes Cobra-Fassbier im Glassy Junction, dann ist der Indien-Urlaub zuende.

Ich tippe diese Zeilen beim mitternächtlichen Dunkelbier auf der Hotelterrasse, während sich neben mir drei deutsche Lehrer gegenseitig vom deutschen Schulalltag vorjammern. Egal, das Bier schmeckt, die Londoner Sommernacht ist lau, und morgen ist Karneval.

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